Was ist das Goldene Zeitalter?

„Die einzige echte Friedenszeit, die meine Generation in Deutschland erlebt hat, war angebrochen: ein Zeitraum von sechs Jahren, 1924 bis 1929 (…)“, schreibt der Historiker und Publizist Sebastian Haffner (Jahrgang 1907) in seinen Erinnerungen „Geschichte eines Deutschen“: „Es kam Geld ins Land, das Geld behielt seinen Wert, die Geschäfte gingen gut (…) Die letzten zehn Jahre [1914 – 1923] gerieten in Vergessenheit, wie ein böser Traum. (…). Es gab jedes vernünftige Maß von Freiheit, Ruhe, Ordnung, wohlwollendste Liberalität weit und breit, gute Löhne, gutes Essen und ein wenig öffentliche Langeweile“, schwärmt Haffner. Und doch entdeckt er im Rückblick etwas Seltsames.

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Was ist die Express-Zeit (Teil III)?

Aktualität bildete bereits im 19. Jahrhundert in Berlin ein wichtiges Verkaufsargument für den Erwerb einer Zeitung. Zunächst war es vor allem die sensationshungrige Finanz- und Wirtschaftswelt der Stadt, für die der schnellstmögliche Nachrichtenfluss einen wichtigen Kaufanreiz für tagesaktuelle Presseerzeugnisse bildete. Von der Reichsgründung 1871 und der gestiegenen überregionalen politischen Bedeutung Berlins gingen zudem weitere wichtige Impulse für Neuentwicklungen im Berliner Pressewesen aus, das immer stärker auf ganz Deutschland ausstrahlte. Vor allem aber wandelten sich die Zeitungen von einem gemächlichen und privilegierten Informationsmittel, dass zunächst nur für die groß- und bildungsbürgerlicher Eliten von Nutzen war, zu einem Suchtmittel, das in immer größere Bevölkerungskreise das Verlangen nach schnell konsumierbaren Nachrichtenhäppchen wachsen ließ. Zeitungen und Zeitschriften wurden jetzt von immer mehr Menschen überall und zu jeder Tageszeit überflogen. Nur so konnten sie in der aufkommenden „Express-Zeit“ der Gefahr vorbeugen – eine Gefahr, die in der deutschen Provinz damals nur sehr undeutlich wahrgenommen wurde – nicht nachrichtentechnisch „auf dem Quivive zu sein“ (= ins Hintertreffen zu geraten). „Was ist die Express-Zeit (Teil III)?“ weiterlesen

In eigener Sache: Ab jetzt sind Kommentare möglich

Es hat etwas gedauert, aber jetzt kann in diesem Blog auch die Kommentarfunktion genutzt werden. Der „Berliner Schlüssel“-Blog wird fortan also auch wirklich der von mir [in der Rubrik „Was ist ein Berliner Schlüssel?“] proklamierten (= verkündeten) Mittler-Funktion gerecht.

Was ist die Express-Zeit? (Teil II)

Für die auswärtigen Zeitgenossen war das Berliner Tempo zur Zeit der Jahrhundertwende vom 19. zum 20 Jahrhundert reizüberflutend und atemberaubend. Als Unbeteiligte nahmen sie den Straßenverkehr und die vorbeihetzenden Menschenströme als seelenloses Gerenne wahr. Doch die Berliner „Dromologie“ (= Logik des Laufes) gehorchte Regeln, die über Jahrzehnte eingeübt worden waren und die das Tagesgeschehen für nahezu jeden Berliner (unter-)gliederten. Auch die Lesegeschwindigkeit hatte immer stärker zugenommen, denn die Berliner verstanden es, die typischen Codes, Floskeln und Redewendungen der neuen Medien und Textgattungen aufzunehmen und gegebenenfalls auch zu entschlüsseln. Das schwülstige Pathos des 19. Jahrhunderts schliff sich in den Express-Zeiten immer mehr ab oder wurde – wenn es unvermeidlich war – ironisch gewendet. „Was ist die Express-Zeit? (Teil II)“ weiterlesen

Was suchte Nietzsche in Berlin? (Teil II)

Friedrich Nietzsche wollte kurzentschlossen im Juni 1882 das umsetzen, was er in den Monaten zuvor nur als spekulative Möglichkeit angesehen hatte: Das Waldrevier des Grunewalds zu sichten, in dem er sich fortan hätte zurückziehen und gleichzeitig die Nahdistanz zu Lou Salomé – die sich in Berlin niederlassen sollte – hätte wahren können. Nietzsches Expedition geriet zum Desaster. „Was suchte Nietzsche in Berlin? (Teil II)“ weiterlesen

Was suchte Nietzsche in Berlin?

Ein Flashback (= eine Rückblende) in das Jahr 1882: Als der Philosoph Friedrich Nietzsche an einem Freitagmorgen im Juni mit dem Zug am Anhalter Bahnhof ankam, hätte nicht nur seine Biographie sondern auch die Kulturgeschichte Berlins eine besondere Wendung nehmen können. Denn Nietzsche, das intellektuelle Monster (oder besser gesagt: ein (im besten Sinne) monströser Intellektueller, der Jahrzehnte später als der Säulenheilige des deutschen Expressionismus gelten sollte), war wild entschlossen in die Reichshauptstadt zu ziehen – nicht direkt in die Stadt selbst, sondern in den nahe gelegenen Grunewald. „Was suchte Nietzsche in Berlin?“ weiterlesen

Was ist die Express-Zeit?

Das Berlin der Jahrhundertwende machte gegenüber der altehrwürdigen Habsburger-Metropole Wien immer mehr Boden gut. Künstlerstars aus dem gesamten deutschsprachigen Raum zogen es nun in Betracht, in die preußische Hauptstadt zu ziehen, um hier ihrer Karriere einen weiteren Schub zu geben. Aber auch die Berliner Subkulturen drängen sich zu der Zeit immer stärker ins (elekrifizierte) Rampenlicht. Mit radikalen Mitteln reagierten sie auf die Beschleunigung des modernen Stadtlebens, das im „Express“-Tempo die Zeitgenossen durchwirbelte. „Was ist die Express-Zeit?“ weiterlesen

Was ist das Eiserne Zeitalter? (Teil II)

Zahlreiche Bauwerke des 19. Jahrhunderts sind Eisenkonstruktionen. Doch in der Regel „verkleideten“ die Achitekten die bautechnischen Metallskelette hinter Stein und Gips. Das eiserne Zeitalter scheute nackte Strukturen und verblendete sie. Gleiches galt für die Frauen der Epoche, die sich in atemraubende Korsetts zwängten und sich gleichzeitig in schwellende Stoffwülste und -falten hüllten, um sich vor den (zudringlichen ?) Blicken der Männer zu verbergen, die ihre physische Statur ihrerseits mit ihren allgegenwärtigen Zylindern phallusartig verlängerten. Das 19. Jahrhundert ist in den Städten wie Berlin, Paris und anderswo das Zeitalter eines „kollektiven Traums“, in dem die unlauteren Phantasien wie Syphilliskeime permanent brüteten, ohne sich zur Kenntlichkeit zu konkretisieren. Noch hatten Siegmund Freuds kulturanalytische Studien die offen zu Tage liegenden Geheimnisse nicht entschlüsselt. „Was ist das Eiserne Zeitalter? (Teil II)“ weiterlesen

Was ist das Eiserne Zeitalter?

Das „Eiserne Zeitalter“ ist kein offizieller Epochenbegriff für die Geschichte Berlins und hat – um Mißverständnissen vorzubeugen – nichts mit der vor- oder frühgeschichtlichen Epoche „Eisenzeit“ zu tun. Ich habe diesen Begriff für die Kulturgeschichte Berlins gewählt, weil in dieser Phase des 19. Jahrhunderts die deutsche Schwerindustrie immer sichtbarer an Bedeutung für das preußisch-deutsche Staatswesen gewinnt. Die großindustrielle Metallverarbeitung – etwa in den Berliner Eisenbahnwerken von Johann Friedrich Augsut Borsig – katapultierte Deutschland, sein Staatswesen und seine Hauptstadt in die industrielle Moderne. Diese titanischen Anstrengungen sind – ingenieurstechnisch und arbeitsorganisatorisch betrachtet – von einschüchternder Größe. Gleichzeit hält das gesellschaftliche Bewusstsein – vor allem der politischen und wirtschaftlichen Eliten – nicht mit den technischen Visionen und Lösungen der Ingenieure, Unternehmer und Heeresausstatter Schritt. Das Eiserne Zeitalter ist die Epoche des gedanklichen Schwulstes und der sprachlichen Plattidtüden (= Plattheiten). Nur Ausnahmekünstler wie Theodor Fontane und Adolf Menzel können sich in diesen finsteren Zeiten mit ihren künstlerischen Programmen dagegen behaupten. „Was ist das Eiserne Zeitalter?“ weiterlesen

Was ist der Romantische Rausch? (Teil II)

In dem halben Jahrhundert zwischen den Jahren 1790 und 1840 hat Berlin sein Aussehen komplett verändert, ohne dass eine Epochenbruch durchgehend pauschalisiert (= grundsätzlich verabsolutiert) wird. Der Romantische Rausch verlief nach den Eskapaden (= Überspanntheiten) der sogenannten „Frühromantik“ allmählich in geordnete Bahnen und verstand sich mehr und mehr als eine allmähliche, evolutionäre Fortentwicklung des Bestehenden. Als Paradebeispiel für diese Haltung kann das philiosophische System Georg Wilhelm Friedrich Hegels gelten, der an der Berliner Universität lehrte. Die harsche und abstrakte Revolutionsprogrammatik der französischen radikalen Denker hatte sich dagegen in Berlin nie durchgesetzt. Stattdessen postulierten [„postulieren“ = „als wahr und gegeben hinstellen“] die romantischen Zeitgenossen im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts mehrere neu entwickelte Gedankensysteme, die Überliefertes und Zeitgeistliches in idealistischen Systemen harmonisch zu vereinen versuchten. In dieser Zeit – kurz vor dem vollständigen Ausbruch der Industriellen Revolution und dessen massiven Folgen – trug Berlin zurecht den Beinamen „Spree-Athen“. „Was ist der Romantische Rausch? (Teil II)“ weiterlesen